„Negotiating Humanity“ lautet das Thema des diesjährigen Ars Electronica Festivals in Linz. Menschsein, so die dahinterstehende Idee, ist offenbar nichts mehr, was sich einfach voraussetzen lässt. Es muss verhandelt werden. Mit unseren Technologien, mit anderen Menschen, mit anderen Spezies und nicht zuletzt mit einer Zukunft, deren Bedingungen wir gegenwärtig selbst verändern.Das ist ein bemerkenswerter Gedanke. Die eigentliche Provokation liegt aus meienr Perspektive vor allem in einer Frage, die ihm vorausgeht: Wer verhandelt hier eigentlich mit wem – und wer besitzt überhaupt noch die Macht, die Bedingungen dieser Verhandlung festzulegen?
Denn wir sprechen über Künstliche Intelligenz noch immer bevorzugt so, als sei sie ein Werkzeug. Wir fragen, was wir mit ihr tun können, wie wir sie regulieren sollen und welche Aufgaben sie uns abnehmen könnte. Das beruhigt. Werkzeuge liegen auf der Werkbank, Menschen halten sie in der Hand.
Doch diese Metapher beginnt zu bröckeln.Technologien verändern nicht nur die Welt, auf die wir einwirken. Sie verändern auch diejenigen, die sie benutzen. Das Smartphone hat nicht lediglich unsere Kommunikation effizienter gemacht; es hat unsere Erwartungen an Erreichbarkeit verändert. Soziale Netzwerke haben nicht nur neue Räume gesellschaftlicher Öffentlichkeit geschaffen; sie haben Aufmerksamkeit, Anerkennung und Empörung in messbare und ökonomisch verwertbare Größen verwandelt. Und generative KI automatisiert nicht einfach einzelne Tätigkeiten. Sie beginnt, in Bereiche einzudringen, die wir lange für genuin menschlich hielten: Sprache, Kreativität, Interpretation, Beziehung, Entscheidung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Maschinen irgendwann „menschlich“ werden.Sie lautet vielmehr: Was geschieht mit dem Menschen, während er seine Welt maschinengerecht umbaut?
Aus psychologischer Perspektive besitzen wir eine erstaunliche Fähigkeit, uns an veränderte Bedingungen zu gewöhnen. Das ist eine unserer großen evolutionären Stärken. Und möglicherweise eine unserer größten Schwächen.Was gestern noch befremdlich erschien, wird heute praktisch und morgen selbstverständlich.Dass eine Software unsere Sätze vervollständigt, unsere Bilder erzeugt, unsere Bewerbungen sortiert, unsere Partner auswählt, unsere Leistung bewertet oder unsere emotionale Verfassung analysiert, erzeugt jeweils für kurze Zeit Irritation. Dann setzt Gewöhnung ein.Psychologisch betrachtet ist Normalität keine feste Kategorie. Normalität entsteht durch Wiederholung.Genau darin liegt ein unterschätztes Problem technologischer Entwicklung. Wir entscheiden nicht jedes Mal bewusst neu, welche Form von Technik wir in unser Leben lassen wollen. Viel häufiger passen sich unsere Erwartungen schleichend an das an, was technisch möglich geworden ist.
Wir fragen dann nicht mehr: Brauche ich das? Wir fragen: Warum funktioniert es noch nicht besser? Aus einer grundsätzlichen Frage wird eine Optimierungsfrage. Damit hat die Technologie bereits gewonnen. Nicht weil sie einen eigenen Willen hätte, sondern weil wir aufgehört haben, über ihren Zweck nachzudenken.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, KI ausschließlich als Werkzeug zu begreifen. Sie wird zunehmend zu einem Milieu, in dem menschliches Denken und Handeln stattfinden. Ein Hammer beeinflusst den Menschen vergleichsweise wenig, wenn er gerade keinen Nagel einschlägt. Digitale Systeme hingegen begleiten uns permanent. Sie strukturieren Informationsräume, schlagen Entscheidungen vor, filtern Wahrnehmungen und bestimmen zunehmend, welche Ausschnitte der Welt überhaupt sichtbar werden.
Das verändert nicht nur unser Verhalten, sondern unsere kognitiven Gewohnheiten. Was geschieht beispielsweise mit der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, wenn auf jede Frage innerhalb von Sekunden eine scheinbar plausible Antwort folgt?
Was geschieht mit Frustrationstoleranz, wenn Wünsche immer unmittelbarer erfüllt werden? Was geschieht mit der Fähigkeit zum eigenen Formulieren, wenn Sprache jederzeit generiert werden kann? Und was geschieht mit menschlichen Beziehungen, wenn technische Systeme verfügbarer, geduldiger und konfliktärmer erscheinen als Menschen?
Vielleicht besteht die psychologische Herausforderung der KI deshalb weniger darin, dass Maschinen eines Tages fühlen könnten.Vielleicht besteht sie darin, dass Menschen bestimmte Fähigkeiten immer seltener benötigen und sie deshalb allmählich verlieren.
Unsere Kultur besitzt eine merkwürdige Neigung, technische Machbarkeit mit gesellschaftlicher Notwendigkeit zu verwechseln.Wenn etwas möglich wird, entsteht beinahe automatisch die Erwartung, es müsse auch eingesetzt werden. Unternehmen, die eine Technologie nicht nutzen, gelten als rückständig. Beschäftigte sollen „KI-Kompetenz“ erwerben. Schulen und Universitäten müssen sich „auf KI einstellen“. Staaten dürfen im internationalen Wettbewerb „nicht den Anschluss verlieren“.
Das Vokabular ist aufschlussreich.Wir sprechen von Beschleunigung, Transformation, Innovation und Wettbewerb – auffallend selten aber von Genügsamkeit, Begrenzung oder Verzicht.
Dabei wäre gerade die Fähigkeit, etwas technisch Mögliches bewusst nicht zu tun, vielleicht eine der wichtigsten Kulturleistungen des 21. Jahrhunderts. Die entscheidende Kategorie wäre dann nicht Innovation, sondern Urteilskraft. Nicht: Was können wir noch automatisieren? Sondern: Was wollen wir auf keinen Fall automatisieren? Nicht: Wie leistungsfähig kann KI werden? Sondern: Welche menschlichen Fähigkeiten wollen wir erhalten, selbst wenn Maschinen sie effizienter ausführen könnten?
Die digitale Welt pflegt dabei seit Jahrzehnten eine besonders erfolgreiche Illusion: die Illusion ihrer eigenen Immaterialität.Wir sprechen von „Clouds“, als schwebten unsere Daten irgendwo über den Dingen. KI scheint in einer ähnlich körperlosen Sphäre zu existieren. Eine Frage wird eingetippt, Sekunden später erscheint eine Antwort.
Doch hinter dieser beinahe magischen Oberfläche steht eine ausgesprochen materielle Infrastruktur: Rechenzentren, Halbleiter, Stromnetze, Kühlsysteme, Wasser, Rohstoffe, Lieferketten und Landschaften.Die Ars Electronica greift genau diese verdrängte Materialität in diesem Jahr mehrfach auf. In „Beyond the Humanity“ geraten Pflanzen, Insekten, Luft und ökologische Systeme ins Zentrum; an anderer Stelle werden Wasser, Territorium und planetare Abhängigkeiten ausdrücklich zum Gegenstand der Verhandlung.
Das ist mehr als ein ökologisches Zusatzthema.
Es berührt einen fundamentalen Denkfehler unserer Vorstellung von Fortschritt.
Wir behandeln Digitalisierung gern als Lösung für die Probleme der materiellen Welt, obwohl auch die digitale Welt aus Materie besteht.KI ist nicht körperlos.Ihr Körper steht nur woanders.
Hier stößt auch der schöne Begriff des „Negotiating“ an seine Grenze. Menschen können Interessen gegeneinander abwägen. Parlamente können Gesetze verändern. Unternehmen können Geschäftsmodelle korrigieren. Gesellschaften können Prioritäten neu setzen. Ökosysteme verhandeln nicht. Ein ausgetrockneter Boden lässt sich nicht durch einen Kompromiss überzeugen. Ein ausgestorbenes Tier akzeptiert keine Kompensationszahlung. Eine Atmosphäre interessiert sich nicht dafür, ob Emissionen ökonomisch notwendig erschienen. Die Natur ist keine moralische Instanz. Gerade deshalb ist sie unerbittlich. Sie reagiert auf Bedingungen.
Damit erhält „Negotiating Humanity“ eine zweite, möglicherweise unbequemere Bedeutung. Vielleicht müssen wir weniger darüber verhandeln, wie viel Natur wir uns leisten können, als darüber, wie viel unserer gegenwärtigen Vorstellung von Fortschritt sich die Natur noch leisten kann.
Doch weshalb fällt Begrenzung so schwer?Hier berühren sich Ökologie und Psychologie.Moderne Konsumgesellschaften beruhen auf einem bemerkenswerten Versprechen: dass ein quantitatives Mehr irgendwann in ein qualitatives Besser umschlägt.
Die psychologische Forschung zur hedonischen Adaptation zeigt jedoch seit Langem, wie schnell neue Annehmlichkeiten ihren Ausnahmecharakter verlieren. Was zunächst Begeisterung auslöst, wird bald zum neuen Ausgangsniveau. Technischer Fortschritt löst dieses Problem nicht. Er kann es sogar beschleunigen. Denn jede Komfortsteigerung erzeugt neue Erwartungen, jede Beschleunigung eine neue Vorstellung davon, was „zu langsam“ bedeutet, und jede Automatisierung verändert unsere Vorstellung davon, welche Anstrengung noch zumutbar ist. So entsteht eine paradoxe Kultur: Wir verfügen über immer leistungsfähigere Technologien, erleben aber nicht notwendigerweise entsprechend mehr Zeit, Gelassenheit oder Zufriedenheit. Vielleicht optimieren wir längst nicht mehr unser Leben. Vielleicht optimieren wir vor allem unsere Erwartungen an das Leben – und treiben sie dabei immer weiter nach oben.
Gerade bei Künstlicher Intelligenz zeigt sich schließlich ein philosophisches Missverständnis. Wir haben Intelligenz sehr lange mit dem Menschlichen identifiziert. Nun erzeugen Maschinen Texte, Bilder und Problemlösungen, die Eigenschaften intelligenten Verhaltens zeigen. Prompt entsteht die Frage, ob der Mensch dadurch seine Sonderstellung verliert.
Vielleicht war schon die Ausgangsthese falsch. Vielleicht bestand das Besondere des Menschen nie primär in seiner Rechenleistung, seinem Gedächtnis oder seiner Fähigkeit zur Mustererkennung. Interessanter sind Fähigkeiten, die sich nicht einfach in Leistungsmetriken übersetzen lassen: Verantwortung übernehmen. Ambivalenz aushalten. Sich selbst begrenzen. Leiden wahrnehmen. Bedeutung erzeugen. Für etwas Sorge tragen, das keinen unmittelbaren Nutzen verspricht. Und vor allem: Nein sagen können. Eine wirklich entwickelte Zivilisation müsste deshalb nicht daran zu erkennen sein, dass sie alles technisch Mögliche realisiert, sondern daran, dass sie unterscheiden kann zwischen dem, was sie kann, dem, was sie braucht, und dem, was sie besser unterlässt.
Die Ars Electronica 2026 stellt mit „Negotiating Humanity“ die Frage nach dem Menschen in einer Welt, die wir mit Technologien, anderen Menschen und anderen Spezies teilen.
Stellen wir diese Frage noch radikaler:
Nicht: Was bleibt vom Menschen übrig, wenn Maschinen intelligenter werden?
Sondern:
Was wollen wir vom Menschen bewahren, gerade weil Maschinen immer leistungsfähiger werden?
Denn womöglich ist die größte Gefahr der KI nicht eine zukünftige Superintelligenz, die eines Tages beschließt, die Kontrolle zu übernehmen. Die viel unspektakulärere Gefahr liegt darin, dass wir unsere Welt Schritt für Schritt an technische Systeme anpassen und jede einzelne Anpassung vernünftig erscheint.
Bis wir irgendwann feststellen, dass wir zwar die Technologie perfektioniert haben – aber vergessen haben zu fragen, welchem Leben sie eigentlich dienen sollte.
Zukunft beginnt deshalb nicht unbedingt dort, wo eine Maschine etwas Neues kann. Sie beginnt dort, wo ein Mensch angesichts des technisch Möglichen noch sagen kann:
Das könnten wir tun. Aber wollen wir es auch?
MF