3 Minuten Lesezeit
18 Jan
18Jan

Der nächste Umzug steht an. Beim Packen der Kisten wird bewusst, wie viele Dinge wir haben. Klamotten die noch nie angezogen wurden, die Bohrmaschine, die in 5 Jahren nicht einmal eingesetzt wurde, Blumenübertöpfe und ausrangiertes Porzellan. Es fällt schwer, davon loszulassen. 

Aber brauchen wir das Zeug wirklich? 

Ein europäischer Haushalt beherbergt etwa 10 000 Objekte, wie amerikanische Anthropologen vor einigen Jahren schon schätzten, vor 100 Jahren waren es keine 200 und in den USA sind es sehr viel mehr Objekte als in Europa. Nun, wie viele werden es in 100 Jahren sein? 

Vielleicht weniger, so die Hoffnung (nicht nur) der Sharing Economy. Denn das, was für Opa 100 Briefmarken in seiner Sammlung waren, sind heute meine Likes in Social Media. Gleichzeitig vereinigt das Smartphone Stereoanlage, Plattensammlung, Telefon, Fernseher, Notizbuch, Fotoalbum und vieles andere mehr in einem. Ist das die Aussicht, dass wir mit weniger Produkten auskommen können? Doch noch produzieren und konsumieren wir immer mehr, mehr als die planetaren Grenzen zulassen. Und wir tun das wider besseren Wissens: 

https://www.blognatur.com/majos-blog/die-attitude-behavior-gap-im-konsumverhalten 

Warum also müssen wir so vieles kaufen und besitzen? Verhaltensökonomisch ist der Kauf von Produkten einerseits das Bestreben nach Sicherheit; wenn ich die Bohrmaschine im Keller habe, kann ich sie jederzeit einsetzen. 

Es gibt aber noch eine andere Ebene: Kaufrausch, das Kaufen (von vorzeigbaren Objekten) setzt Glückshormone, Dopamin, frei. Dieser Botenstoff belohnt uns gleichsam beim Kauf neuer Produkte. Damit kaufen wir unsere Hülle, die uns zeigt, was wir darstellen wollen; Besitz wird zum Teil der eigenen Identität mithin zum Statussymbol. Und Besitz wird als höherwertig eingestuft als das Geliehene, ein geliehener Status ist eben auch kein echter Status mehr. 

Die Sharing Economy vertritt die Idee einer geteilten Nutzung unterschiedlicher Ressourcen. Beim Bücherausleihen klappt das ganz gut, früher gab es Videotheken, inzwischen gibt es Car-Sharing. Aber darüber hinaus? Der Baumarkt bietet teilweise einen Verleih von Geräten an und sicherlich kann ich mir auch einen Bagger ausleihen, um den Vorgarten neu zu gestalten. 

Doch das sind alles keine Prestigeobjekte, wir leihen Objekte, die für unsere Selbstrepräsentation nicht so bedeutungsvoll sind. Objekte, die nur Mittel zum Zweck sind und für die Selbstrepräsentation belanglos sind, wie das Fahrrad im Urlaubsort, werden dann auch gerne ausgeliehen. Erst das was wir kaufen, sagt etwas über unsere Selbstrepräsentation aus. Wir kaufen unsere Hülle, unser Image. Aber kaufen wir all das, um das wenig selbstbewusste Ego zu stärken, um andere mit Markenklamotten, dem Eigenheim, dem Südseeurlaub, dem Sportwagen oder der teuren Uhr zu beeindrucken? 

Wie können wir die Glückshormone auch jenseits des Einkaufens tanken? 

Zunächst durch Zwischenmenschliches, welches aber in einer zum Singledasein tendierenden Gesellschaft zunehmend an Verbindlichkeit verliert. Im kulturpessimistischen Lamento wird eine Vereinzelung in der Gesellschaft schon lange beschrieben (das Ich steht dann jeweils dort, wo es schon die Grammatik verortet hat: an erster Stelle); die Herausforderungen für den Einzelnen liegen jedoch darin, einer Norm- und Orientierungslosigkeit ausgesetzt zu sein. Verbindlichkeit wird schwerer einlösbar, wenn der Zeitgeist Austauschbarkeit und Beliebigkeit offeriert. Optionsvielfalt verleitet zur Unverbindlichkeit. Doch damit läuft das Ich Gefahr, jene narzisstische Komponente zu stärken, welche sich immer wieder neu bestätigen muss, da es in einem zunehmend entleeren Ich nicht gelassen verweilen kann. Die gesamte Mitwelt wird Mittel zum eigenen Zweck. Dies hat auch negative Auswirkungen auf die ökologische Krise 

https://www.blognatur.com/majos-blog/happy-singles-day-zwischen-beziehungsangst-und-verlust

Gleichzeitig steigt jedoch die individuelle Stressbelastung. Denn biologisch sind wir eine soziale Spezies und auf das Leben in Gruppen hin angelegt. Vereinzelung jedoch ist kein Teil unserer evolutionären Natur – ein einzeln lebendes Gruppenmitglied ist in dieser Perspektive ausgestoßen oder krank; zumeist beides zugleich. Oder sagen wir es mit Hölderlins Hyperion: 

„Das macht uns arm bei allem Reichtum, daß wir nicht allein seyn können, dass die Liebe in uns, so lange wir leben, nicht erstirbt.“ 

Zusätzlich führt eine vereinzelte Gesellschaft dazu, dass die Widrigkeiten des Lebens der individuellen Verantwortung übertragen werden. Man hätte sich ja rechtzeitig beraten können. Denn hier gibt es (vermeintliche) Abhilfe zur Daseinserleichterung: Lebensberatung, psychologische Praxen und dergleichen mehr sind überlaufen und die Wirtschaft frohlockt über die Vereinzelung, weil damit der Ressourcenverbrauch und der Absatz an Produkten ansteigt. Dem Gefühl, dass uns etwas fehle, entgegenzuwirken ist in dieser Perspektive denkbar einfach: Einkaufen gehen; sei es Beratung oder seien es Produkte. 

Und dann? Noch mehr Konsum, noch mehr Produkte und Objekte im immer größer werdenden Haushalt? Nochmals: Wie können wir die Glückshormone auch jenseits des Einkaufens tanken? 

Wann habt ihr zuletzt eine Blaumeise am Waldrand beobachtet oder einen Zaunkönig durch das Gestrüpp hüpfen sehen? Wann habt ihr zuletzt den Waldkauz gehört? Wann habt ihr zuletzt eine Sternschuppe am Himmel verfolgt? 

Feuer frei für die Hormone! Denn all das setzt auch Glückshormone frei. Also, geht raus und holt euch euren Dopamin-Booster, kommt wieder heim und kündigt euer Konto sämtlicher Onlinehandelshäuser! Das habt ihr nicht mehr nötig! (O.k., vielleicht mal langsam reduzieren)

JR

Kommentare
* Die E-Mail-Adresse wird nicht auf der Website veröffentlicht.